Sektion Alter(n) und Gesellschaft

der Deutschen Gesellschaft für Soziologie




Das "Gründungspapier"



Die Soziologie und das Alter - Zur Notwendigkeit der Gründung einer Arbeitsgruppe "Alter(n) und Gesellschaft" in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

von
Gertrud M. Backes und Wolfgang Clemens
(gekürzte Fassung; das Original ist erschienen in der Zeitschrift für Familienforschung 10, S. 94-97)

Die gesellschaftliche Entwicklung fortgeschrittener Gesellschaften am Ende dieses Jahrhunderts wird maßgeblich vom demographischen Wandel bestimmt. Dieses als "Altern der Gesellschaft" bezeichnete Phänomen hat weitreichende Folgen für die Sozialsysteme sowie für Arbeitsmarkt-, generationale und Familienstrukturen. Mit diesem Prozeß geht ein Strukturwandel des Alters einher, der auch qualitative Veränderungen aller Lebensbereiche älterer und alter Menschen hervorgerufen hat. Allerdings betrifft die radikale Umformung der demographischen Grundlagen der Gesellschaft und der Strukturen des Alterns und Alters nicht nur die Teilgruppen der heute und zukünftig älteren und alten Menschen, sondern wird immer mehr die Gesellschaft als Ganzes betreffen und insgesamt zu weiteren erheblichen gesellschaftlichen Wandlungs- und Integrationserfordernissen führen. Alter und Altern sind sozialstrukturelle Grundtatbestände mit ständig wachsender Bedeutung für die Entwicklung moderner Gesellschaften.

In öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft schreibt man einer zunehmenden Langlebigkeit und qualitativen Strukturveränderungen sehr unterschiedliche gesellschaftliche Auswirkungen zu. Diese schwanken zwischen Beruhigung bzw. fehlender Resonanz und extremen Krisenszenarien. Gemeinsam ist fast allen Formen der Thematisierung ein punktueller, unsystematischer und verengter Zugang zur Frage, wie der Zusammenhang von "Altern" und "Gesellschaftsentwicklung" zu fassen ist. Die wissenschaftliche Diskussion um den demographischen Wandel wird vor allem in der Bevölkerungswissenschaft, der ökonomie, der Gerontologie und der Sozialpolitikwissenschaft geführt. Die Soziologie ist mit der bisher eher marginalen Diskussion eines "Strukturwandels des Alters" (Tews 1993) vertreten, obwohl sie als ""Schlüsselwissenschaft" den zentralen Beitrag zur Analyse dieses Zusammenhangs bereitzustellen hat. Diese Analyse kann sich nicht auf deskriptive Beschreibungen einzelner gesellschaftlicher Teilbereiche beschränken, sondern muß in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen gesellschaftstheoretisch fundiert werden.

Dabei kann Bezug genommen werden auf eine bereits Ende der fünfziger Jahre von Karl Martin Bolte und vor allem Rudolf Tartler (Bolte/Tartler 1958) geführte Diskussion zu den gesellschaftlichen Auswirkungen demographischen Wandels. In diesem Kontext wurde - bereits zu einer Zeit vergleichbar geringer "Alterslast" bei wirtschaftlicher Expansion - der gesellschaftliche Zusammenhang von "Altersproblemen" reflektiert. Schon damals findet sich implizit oder explizit die Forderung nach Theorien der (Struktur-)Entwicklung von Gesellschaft, so z.B. bei Tartler (1961). Dieser begreift die mit dem Altern der Gesellschaft einhergehenden Veränderungen bereits als Herausforderung an die Soziologie, die soziale Problematik des Alter(n)s zu analysieren: "...die ständig steigende Intensität der struktursoziologischen Altersforschung - die den konkreten praktischen Problemen dabei durchaus nicht aus dem Wege geht -, deutet bereits darauf hin, daß die allgemeine Altersproblematik, wie sie zu allen Zeiten bestanden hat, in der Gegenwart eine besondere Artikulation in der Struktur der Gesamtgesellschaft erfahren hat und zu einem allgemeinen sozialen Problem geworden ist." (Tartler 1961, S. 15) Heute bestimmt über soziale und sozialpolitische Bezüge hinaus das Alter wesentlich deutlicher als zu Beginn der sechziger Jahre gesellschaftliche Strukturen. Die "soziale und strukturelle Altersproblematik" bei Tartler hat sich zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Problematik entwickelt (vgl. Backes 1997).

Die Bedeutung des Themas "Alter(n) und Gesellschaftsentwicklung" findet bislang allerdings innerhalb der institutionalisierten Soziologie keine angemessene organisatorische Entsprechung. Es werden zwar Fragen des Alters und Alterns in verschiedenen relevanten (inhaltlichen) Kontexten innerhalb verschiedener Sektionen der DGS (so z.B. in den Sektionen Biographieforschung, Sozialpolitik oder Familien- und Jugendsoziologie) mit aufgegriffen und entsprechende Alter(n)sbezüge hergestellt. Eine systematische Bearbeitung der mit Alter(n) und Gesellschaft(sentwicklung) einhergehenden Fragen, die der (noch wachsenden) gesellschaftlichen Bedeutung der Thematik angemessen wäre, findet u. E. jedoch gerade innerhalb der organisierten Soziologie bislang zu wenig statt bzw. nicht den gebührenden Raum. Allgemein fehlt es nicht an wissenschaftlicher, öffentlicher und (sozial)politischer Thematisierung von Fragen des Alters und Alter(n)s: * Eine Reihe - meist interdisziplinäre - Arbeiten, z.B. die "Berliner Altersstudie" (Mayer/Baltes 1996) oder die "SIMA-Studie" (Bedingungen der Erhaltung und Förderung von Selbständigkeit im höheren Lebensalter, vgl. Stosberg 1998), liegen als gelungene Beispiele (auch) soziologischer Analyse in interdisziplinärer wissenschaftlicher Zusammenarbeit zum Thema Alter und Altern vor. Die gesellschaftlichen Bezüge bleiben jedoch (gemäß der Fragestellungen) begrenzt und die Ergebnisse regional bezogen. * Innerhalb der Sozialen Gerontologie werden multidisziplinär ebenfalls Themen des Alter(n)s in der modernen Gesellschaft aufgegriffen, wie etwa die (soziologisch begründete) vielschichtige Diskussion um den Strukturwandel des Alters (Tews) zeigt. Allerdings spielt Soziologie als eine wesentliche "Mutterdisziplin" seit mehr als zwei Jahrzehnten innerhalb der deutschsprachigen Gerontologie im Vergleich zur dominierenden Psychogerontologie eine eher marginale Rolle. Diese Entwicklung könnte u.a. auf die oben angesprochene zu geringe Repräsentanz des Themas Alter(n) und Gesellschaft innerhalb der Soziologie zurückzuführen sein. * In der öffentlichen und politischen Diskussion sind die mit dem "Altern der Gesellschaft" bereits eingetretenen und sich weiter abzeichnenden Entwicklungen deutlich repräsentiert. Hier besteht allerdings die Gefahr einer vereinfachenden und polarisierenden Diskussion. Außerdem wird dabei viel zu wenig berücksichtigt, wie unterschiedlich Alternsprozesse verlaufen und wie differenziert sich Lebenslagen im Alter heute bereits darstellen.

Für einen umfassenderen Ansatz und kontinuierliche Arbeit am Thema Alter(n) und Gesellschaft ist die Soziologie als kritische und aufklärende Wissenschaft in besonderer Weise angesprochen. Beim Studium deutschsprachiger Fachliteratur entsteht jedoch eher der Eindruck, daß der demographische und Alter(n)sstrukturwandel bisher kaum als Herausforderung zu empirischen Analysen und soziologischer Theoriebildung verstanden wird. Sowohl für die Auswirkungen des "Alterns der Gesellschaft" auf Gesellschaftsentwicklung als auch für eine angemessene Darstellung der "Sozialstruktur des Alters" fehlen - auch wenn das Thema Alter(n) häufig bearbeitet wird - bis heute ausreichend systematische Analysen als Grundlage sowohl von gesellschaftlicher Thematisierung als auch von soziologischer Theoriebildung. Der gesellschaftlichen und soziologischen Bedeutung dieser Thematik sollte u.E. durch die Etablierung einer entsprechenden Arbeitsgruppe innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Rechnung getragen werden. Damit wäre ein relevantes Forum für eine systematische Arbeit und einen disziplinären Austausch zu dieser Frage zu schaffen. Andere sozialstrukturell bedeutende Grundformen und -merkmale der Gesellschaft - wie Kindheit, Frauen, Familie und Jugend - sind bereits durch Arbeitsgruppen bzw. Sektionen in der DGS vertreten. Mit ihnen kann und soll eine Zusammenarbeit angestrebt werden, die sich aus den zahlreichen inhaltlichen Verschränkungen mit Alter und Altern sinnvoll ergeben. Inhaltliche Bezüge bestehen zu den Sektionen "Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse", "Sozialpolitik", "Familien- und Jugendsoziologie", "Frauenforschung", "Biographieforschung" und "Medizinsoziologie". Nach einer Phase der Etablierung und Festigung sollte eine AG "Altern und Gesellschaft" diese Bezüge - zusammen mit den genannten Sektionen - organisatorisch entwickeln. Durch (spätere) Kooperationen kann eine Organisationseinheit "Alter(n)" innerhalb der DGS aus unserer Sicht auch fruchtbar zur Diskussion in anderen Sektionen und Arbeitsgruppen beitragen. Dazu ist aber eine beständige Arbeitsform notwendig. Doch zunächst ist eine inhaltliche Ausrichtung vorrangig auf das Verhältnis von Alter(n) und gesellschaftlicher Entwicklung geplant, dies schließt eine Bearbeitung von Meso- und Mikrofragestellungen explizit mit ein. Weitere wichtige Aspekte sind der multi- bzw. interdisziplinäre Bezug der geplanten Arbeitsgruppe zu anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen einer Alternswissenschaft und der Anwendungsbezug einer soziologischen Alternsforschung. Mit Hilfe der geplanten Arbeitsgruppe bzw. einer evtl. späteren Sektion ließe sich die bisher eher geringe Bedeutung der Soziologie als Fach innerhalb einer interdisziplinären Alternswissenschaft fördern und entwickeln. Ziel der geplanten Arbeitsgruppe ist vor allem, die Diskussion um Alter und Altern als konstitutive Elemente der Gesellschaftsstruktur innerhalb der Soziologie neu zu beleben. Dabei kann und soll an eine alters- und alternssoziologische Tradition (z.B. Rudolf Tartler) angeknüpft werden, die in den fünfziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland begründet wurde und seit Anfang der sechziger Jahre den Anschluß an die Gesellschaftsentwicklung verloren hat. Dieser Ansatz kann, wenn er die demographische Entwicklung und den Altersstrukturwandel im Kontext übergreifenden sozialen Wandels theoretisch und empirisch in sich zu binden vermag, einen wichtigen, weil zeitgemäßen Beitrag zur Gesellschaftstheorie liefern. Die entsprechende neue Diskussion um den Zusammenhang von "Alter(n) und Gesellschaft" ist zu verbinden mit einer "Soziologie des Lebens(ver)laufs" und der Thematik der Generationenbeziehungen, die zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Bearbeitung der gesellschaftlichen Alternsproblematik erfordert insgesamt ein Aufschließen allgemein- und speziellsoziologischer Ansätze, die über bisherige alter(n)ssoziologische Ansätze hinausgehen und mit diesen zu integrieren sind.


Literatur:


Backes, G.M. (1997): Alter(n) als "gesellschaftliches Problem"? - Zur Vergesellschaftung des Alter(n)s im Kontext der Modernisierung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Bolte, K.M./R. Tartler (1958): Die Altersfrage. Soziale Aufgabe der Gegenwart. Bad Homburg v.d.H., Berlin, Bonn, Zürich: Verlag Dr. Max Gehlen.

Mayer, K.U./P.B. Baltes (Hrsg.) (1996): Die Berliner Altersstudie. Berlin: Akademie Verlag.

Stosberg, M. (1998): Alternde Gesellschaft und die Entwicklung von Familien- und Netzwerkbeziehungen. In: Clemens, W./G.M. Backes (Hrsg.), Altern und Gesellschaft. Gesellschaftliche Modernisierung durch Altersstrukturwandel. Opladen: Leske + Budrich, S. 171-185. Tartler, R. (1961): Das Alter in der modernen Gesellschaft. Stuttgart: Enke.

Tews, H.P. (1993): Neue und alte Aspekte des Strukturwandels des Alters. In: Naegele, G./H.P. Tews (Hrsg.), Lebenslagen im Strukturwandel des Alters. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 15-42.



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